Vorbild im Blick

Am 25. Mai haben wir – Klara Sucher, Franziska Illner, Christin Seidel und Katharina Schmidt – zu einem abendlichen Workshop unter dem Titel „Vorbild im Blick“ ins cocreation.loft eingeladen. Es war ein besonderer Abend: Nicht nur, weil wir zu einem Thema arbeiten konnten, das uns fasziniert – sondern auch, weil wir das in einem (für uns) sehr ungewöhnlichen Set-Up taten: nämlich ausschließlich mit Frauen.

Gemeinsam haben wir uns Antworten zur Frage angenähert, welche Bedeutung Vorbilder haben – und haben könnten. Was bedeutet „Vorbild“ eigentlich? Wozu sind Vorbilder gut? Hier teilen wir die Erkenntnisse aus unseren Gesprächen:

 

1. Erkenntnis: Idol oder Inspiration – Schablone oder Mensch?

Der Begriff „Vorbild“ lässt sich nach Belieben auf einem Spektrum zwischen „Idol“ und „Inspiration“ einordnen. Ein Vorbild kann die Verkörperung eines Ideals sein, recht weit entfernt vom eigenen Leben aber mit einer Strahlkraft, die uns anzieht. Ein Vorbild in diesem Sinn lässt sich eher plakativ begreifen: im Vordergrund steht ein bestimmter angestrebter Wert – und nicht so sehr der Mensch an sich. Wenn wir zum Beispiel an Gandhi denken – so steht er vielleicht für den Wert „Frieden“ oder „Versöhnung“. 

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen Menschen, die uns nahe stehen, und die uns inspirieren. Das kann ein Kollege sein, die Großmutter oder die Chefin. Diese Menschen inspirieren uns dadurch, dass sie bestimmte Eigenschaften pflegen und Dinge möglich machen, die wir auch für uns anstreben. Wir sehen diese Personen als ganze Menschen und wissen um ihre Fehlbarkeit. Trotzdem – und gerade deshalb - sind sie uns Vorbild.

2. Erkenntnis: Wirksam aus der eigenen Kraft

Vorbilder sind dann besonders hilfreich, wenn wir es schaffen, uns inspirieren zu lassen ohne nachzuahmen. Wenn sich unser Möglichkeitsraum erweitert, wir ihn aus uns selbst heraus gestalten und daran glauben, dass wir unser Umfeld zum Besseren verändern können – dann wird die Kraft und das Licht in Vorbildern spürbar. Verlieren wir aber den Selbstbezug und lassen uns dazu verleiten andere nachzuahmen, schneiden wir uns von unserer ureigenen Energie ab. Dann kann das Vorbild leicht zum Irrlicht werden. 

3. Erkenntnis: Erreichbarkeit und Identifikation

Schnell wurde uns auch klar, dass Vorbilder eher individuell als universell funktionieren: Für den einen ein Vorbild – für die andere die Negativschablone. Ein Vorbild kann nur dann als solches fungieren, wenn wir uns ausreichend mit ihm identifizieren können. Dafür muss uns einerseits erreichbar scheinen, was die Person erreicht hat, andererseits brauchen wir eine Art moralische Zustimmung für das, was diese Person verkörpert. Dieser Effekt (genau wie der analoge negative Effekt) ist durch zahlreiche Studien empirisch belegt. 

4.  Erkenntnis: Wir verändern uns – und mit uns, die Vorbilder, die wir brauchen

Robert Kegan und viele andere sind sich einig: auch Erwachsene können sich weiterentwickeln – der Schritt aus der Pubertät heraus ist nicht der letzte Entwicklungsschritt, den Menschen gehen. Es ist intuitiv plausibel, dass wir in den unterschiedlichen Phasen unseres Lebens auch unterschiedliche Vorbilder brauchen: Für Kinder sind die Eltern und große Geschwister besonders wichtig – Menschen, die die Umwelt (besser) kontrollieren können und so für Sicherheit und Orientierung sorgen. Für Teenager sind Vorbilder oft diejenigen, die die Werte der sozialen Bezugsgruppe besonders gut verkörpern. Später suchen viele Menschen dann nach Vorbildern, die besonders authentisch sind/ihre persönlichen Werte auf echte Weise verkörpern usw. So betrachtet ist die Art von Vorbild, die wir suchen auch immer Ausdruck dafür, was für unsere persönliche Entwicklung gerade am relevantesten ist.

5. Erkenntnis: Der Nutzen von Vorbildern

Im Gespräch darüber, warum Vorbilder überhaupt wichtig sein können, haben wir eine schöne Formulierung gefunden: sie erweitern den Möglichkeitsraum. Vorbilder sind dann besonders hilfreich, wenn wir feststecken und mit uns selbst oder unserem Umfeld unzufrieden sind. In einer solchen Situation zu sehen, dass es auch anders geht – kann ungemein inspirieren und motivieren! Das lässt sich in unterschiedlichen Richtungen denken:

Einerseits kann es Mut machen zu sehen, dass Menschen sich in der Kultur und in der Struktur, in der wir uns gemeinsam befinden, anders verhalten als wir. Das zeigt: es ist möglich, auch unter widrigen Umständen!

Andererseits kann es Mut machen zu sehen, andere Strukturen und Kulturen sind möglich – wir können die Welt, in der wir leben verändern!

6. Erkenntnis: Auch Negativvorbilder sind hilfreich

Nicht immer ist die Orientierung, die Vorbilder uns geben die Richtung, die wir als erstrebenswert empfinden. Es gibt auch Menschen, die sich auf eine Art verhalten, die wir auf keinen Fall nachahmen möchten. Sie helfen uns dabei, uns abzugrenzen und manchmal auch genau durch das Offenlegen dieses nicht-nachahmenswerten Verhaltens, das zu begreifen, was wir selbst als erstrebenswert ansehen. Auch wenn wir die nicht als Vorbild bezeichnen würden, waren wir uns einig: diesen Menschen sind wir dankbar – weil sie uns das Navigieren erleichtern.

7.  Erkenntnis: Das Vorbild in mir

Auf der Suche nach Vorbildern erscheint uns eins besonders wichtig: Es gibt diese tollen, inspirierenden Menschen nicht nur da draußen – wir selbst gehören auch dazu. Und hier soll nun ausnahmsweise mal kein Satz der falschen Bescheidenheit folgen, der den vorhergegangenen relativiert oder abschwächt. JEDE von uns hat sich in schwierigen Situationen gefunden, hat Qualitäten entwickelt und Ressourcen entdeckt, die andere inspirieren können. Wir wollen zu einer Kultur beitragen, die wertschätzt, was da ist – und in der wir einander unterstützen. 

 

Klara