Übers Zuhören

Ich mag zuhören. Meistens höre ich lieber zu, als selbst viel zu sagen. Und ich habe große Faszination und Freude dafür, mein Zuhören weiterzuentwickeln. Denn die Art und Weise, auf die ich zuhöre, hat sich im Lauf meines bisherigen Lebens gewandelt.

So lange meine Erinnerung zurückreicht, wusste ich, was andere Menschen fühlen. Viele Menschen denken jetzt sicher, dass ich von Empathie spreche - aber für mich fühlte es sich anders an: Die Gefühle Anderer waren für mich so deutlich, so präsent, dass ich die Welt häufig sehr viel klarer aus Sicht meines Gegenübers sehen konnte, als aus meiner eigenen Perspektive. Es war, als würde ich mein Selbst verlassen. Wenn Menschen davon sprechen, Empathie „zu üben“ dann geht es in der Regel darum, mit anderen mitzufühlen. Das ist dann der wichtige Zusatz zur eigenen Sicht auf die Dinge. Für mich war es umgekehrt: Bei allem Mit-Fühlen war die Herausforderung für mich, bei mir selbst zu bleiben. Was fühlte ich eigentlich? Was wollte ich eigentlich?

Dadurch, dass ich so deutlich fühlte, was in anderen vorging und so unklar, was in mir selbst passierte, wurde mein Fokus auf die Außenwelt beständig größer. Ich selbst bewegte mich zunehmend im Außen, und fühlte mich manchmal wie ein Schmetterling, der mit jedem Windstoß von Person zu Person, von Gefühl zu Gefühl wanderte. Wenn ich auf diese Art zuhörte, verlor ich meine eigene Perspektive und meinen Standpunkt. Oft habe ich das als angenehm empfunden. Die meisten Menschen mögen Schmetterlinge gern – und ich war selten in Konflikten gefangen, sondern konnte gut vermitteln und im Gespräch die unterschiedlichen Perspektiven aufzeigen, die ich erkannte. 

Die eigene Perspektive wertschätzen

So ausgeprägt wie damals ist meine Grundhaltung schon lange nicht mehr. Nicht nur in meinem Arbeitsalltag, in meiner Rolle als Coach und Beraterin, kann ich inzwischen in mir bleiben und „mitfühlen“, ohne mich zu vergessen. Mein natürliches Mitfühlen macht mich wirksam in meiner Arbeit – und gleichzeitig behalte ich meinen Standpunkt. Was also habe ich inzwischen dazu gelernt?

 Zuallererst ist es fürs Zuhören wichtig, präsent mit mir selbst zu bleiben. Zu spüren, was in mir selbst vorgeht. Das bedeutet nicht, dass ich die Empathie aufgebe. Ich bezeuge die Gefühle, Wahrnehmungen und Bilder, die sich in mir zeigen, während ich bei mir selbst und im Kontakt mit meinem Gegenüber bin. So sehe ich die Welt nicht mehr aus der Perspektive des Anderen (und verlasse dabei meine eigene). Stattdessen ermögliche ich meinem Gegenüber seine Sichtweisen, Gefühle oder Fragen mit mir in Kontakt zu bringen. Dieser Kontakt wird dadurch möglich, dass ich bei mir bleibe, dass ich ein Gegenüber bin.

 Meine Erfahrung ist, dass das für alle hilfreich ist. Ich bleibe ich – bleibe verwurzelt, geerdet, präsent. Das gefällt mir.

 Und mein Gegenüber bekommt mehr als nur Verständnis. Statt – wie früher – genau zu verstehen, wie ungerecht, traurig oder hoffnungslos eine Situation gerade sein mag, kann jetzt im Gespräch und durch den Kontakt ein Raum entstehen. So wird das Zuhören zu einer neuen Art von Beziehung. Ich ankere in mir selbst und bin gleichzeitig offen für das, was mein Gegenüber beim Sprechen in Bewegung bringt.

 Wenn das gelingt, wenn ich beim Zuhören gut mit mir selbst in Verbindung bin, dann kann ich noch etwas anderes umlernen. Ich übe mich darin, mich bisweilen von den Worten meines Gegenübers zu lösen. Wenn ich den Worten meines Gegenübers genau zuhöre, habe ich manchmal den Impuls, das Gesagte zu analysieren, intellektuell oder formal-logisch zu durchdringen. In vielen Kontexten ist das auch hilfreich – wenn ich meine Gedanken, Überlegungen und manchmal auch meine Urteile über das Gesagte zurückspiele, können wir den Inhalt im Gespräch gemeinsam weiterentwickeln.

 Zuhören, heißt in Kontakt kommen - mit mehr als dem gesprochenen Wort

Manchmal aber kommt ein Gespräch auf dieser Ebene nicht weiter, wir verhaken uns und verlieren uns in einer Welt aus Gedanken.

Für solche Situationen lohnt es sich, das Zuhören einmal anders zu versuchen: anstatt auf die Worte des Gegenübers zu hören, richte ich den Fokus auf subtile Informationen: was kommt bei mir zu dem Gesagten an, abseits der Worte und Erzählungen? Meine Erfahrung ist: das, was bei mir dann ankommt, kann sich vom Gesagten deutlich unterscheiden. Oft ist es echter und klarer als Worte es sein könnten. Nicht selten ist es überraschend und steht manchmal sogar im Widerspruch zum Gesagten.

Zum Beispiel, wenn mir beim Zuhören die Pausen mehr auffallen als die Sätze. Wenn ich eine Hoffnung höre, obwohl jemand ein Problem beschreibt. Oder wenn ich ein Bild vor meinem inneren Auge sehe, das mein Gegenüber nicht beschrieben hat.

 Wenn ich auf diese Weise zuhöre, dann antworte ich auch auf eine neue Art: Ich verlasse den Rahmen, den mein Gegenüber mit Worten setzt und kann mich beim Antworten in einem anderen, größeren Rahmen bewegen.

 Zunächst kann dieser Ansatz geradezu absurd erscheinen: Zuhören, ohne auf die Worte des Sprechers zu achten? Das ist ungewohnt und ich finde es faszinierend. Gespräche, die ich auf diese Weise geführt habe, fand ich lebendig, überraschend und ganz und gar unmittelbar. Von Menschen, die mir auf diese Weise zuhörten, habe ich völlig unerwartete, packende Antworten – oder sagen wir besser – Reaktionen auf das bekommen, was ich gesagt habe. Je komplexer die Fragen oder Dilemmata sind, die in einem solchen Rahmen besprochen werden, umso mächtiger empfinde ich diese Art von Gespräch.

Denn die Antworten auf meine verzwickten, vielschichtigen Probleme habe ich nicht in Form von Ratschlägen oder Coachingfragen bekommen. Oft waren das Antworten, die nicht in einem offensichtlichen Zusammenhang zu dem standen, was ich erzählt hatte. Für meine Gesprächspartner machten ihre eigenen Antworten in aller Regel nicht unmittelbar „Sinn“.

Bei mir aber brachten sie viel in Bewegung. Die Reaktionen können einen neuen Kontext eröffnen – und dadurch Lösungsansätze bieten, die nicht im kleinen Rahmen einer kleinen Frage stecken bleiben. Stattdessen öffnen sie Zugang zum Grundsätzlichen.

Diese Art von Gespräch zu üben und zu praktizieren, ist enorm wichtig. Ich sehe darin eine Möglichkeit, mit Fragestellungen umzugehen, die so komplex sind, dass sie unsere kognitiven Fähigkeiten übersteigen. Wenn das der Fall ist, können wir einander trotzdem bei der Problemlösung unterstützen – indem wir auf subtile Informationen achten und sie füreinander besprechbar machen.

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Klara